WIE SIE WOLLEN oder WAS MAN SO ALLES
HÖRT
Wallahalla knutscht den Gehörgang, großzügige
63 Minuten lang. Gleich „Küsschen“, der Titelsong
des Albums, fließt runter wie warmes Öl: Ein Als-ob-fünfziger-Jahre-Schlager
auf den Schwingen schnuckenackigen Swings. Vergleichbares findet
sich heute nur noch bei Götz Alsmann – allerdings ohne
Geige. Die Instrumentierung des vierköpfigen Wallahalla-Orchesters
erlaubt Ausflüge in folknahe Gefilde wie eben Zigeunerjazz,
slawoide Melancholie oder balkaneske Fröhlichkeit.
Der „Berserkertanz“, Marke Erst-fängt-er-ganz-langsam-an,
hat etwas von allem, und das Instrumentalstück „Maison
d’apron“ kulminiert ins Irische, so ungefähr,
plus Wallahalla-Speed. Und weil die assoziationsfreudige Combo
frischfröhlichfrei von Hölzken auf Stöcksken kommt,
überrascht die „C-Polka“ mit einem gradlinigen
E-Gitarren-Sound, wie ihn dunnemals die Shadows und die Spotnicks
pflegten.
Herrlich altmodisch-zeitlose Elemente werden pointiert gebrochen,
mit instrumentalen Extravaganzen oder lustigen Mundgeräuschen.
Apropos Mund. Dieweil die Tuba wie ein Tanzbär um „Sofie“
tapst, fordert der übermütige Text: „Ich will
viel, oh Sofie.“ Ja, auf der Wallahalla-Wortwiese wogen
kunterbunte Pflanzen, von raffiniert nonsenspoetisch bis dadanah-naiv,
von „Ich schlaf in dir, alter Traum. Ich häng an dir,
alter Baum“ bis zur „Linsensuppe“. Die ist,
um noch einmal rückwärtsgewandt zu interpretieren, eine
schräge Fortschreibung der gesungenen Kochrezepte von Vico
Torriani in seiner legendären TV-Show Hotel Victoria.
Surreale Romantik hingegen vermittelt der Seufzer „Ach,
hätt ich bloß ein Messer“. Was wäre dann?
So „könnte ich aus Kleiderbügelteilen mir dann
kleine Flügel feilen.“
Dass sie außerdem ihre Hausaufgaben in Pop und Rock gemacht
haben, beweisen die Wallahalla-Helden in zwei countryknöterig
geknarzten Balladen („Keep Holding On“ und, mit allen
Fiddel- und Banjo-Schikanen, „Life On A String“) sowie
dem abgespeckt poppigen „Wonderful Time“ – ein
heimlicher Sommerhit jenseits synthetischer Konfektion.
Mit solcher Vielseitigkeit und musikalischer Originalität
landen sie garantiert nie in Top of the Pops, aber nach
Hören der Küsschen-CD erwacht zu Recht das Bedürfnis,
sich nach dem nächsten Live-Gig des Wallahalla-Orchester
umzusehen.
Norbert Tefelski